Theodor

TheodorTheodors Geburt in unserem Wohnzimmer

Schon vor meiner Schwangerschaft beschäftigte ich mich viel mit dem Thema Hausgeburt und war ganz fasziniert von der Möglichkeit, zu Hause entbinden zu können.
Als ich dann schwanger war, suchte ich über das Internet nach einer Hebamme in der Nähe, die Hausgeburten begleitet und wurde fündig auf hebammen-goettingen.de.
Andrea kam uns kurz nach Weihnachten das erste Mal besuchen und wir führten ein erstes Kennenlerngespräch. Mein Mann und ich waren uns danach sofort einig, dass wir das Abenteuer Hausgeburt erleben möchten. Also kam Andrea von da an zu den Vorsorgeuntersuchungen. Nur zu den Screenings ging ich weiterhin zur Ärztin.
Die letzten Wochen vor der Geburt bekam ich Akupunktur, um meinen Körper auf dieses Ereignis vorzubereiten. In unserer Wohnung war für das Baby und die Geburt alles vorbereitet, die Hausgeburtsutensilien griffbereit, die Kliniktaschen für alle Fälle gepackt.
Am 18.7.2012, als das vierte Mal Akupunktur bevorstand, war es dann soweit – 5 Tage vor dem errechneten Geburtstermin. Mein Mann und ich hatten an diesem Morgen lange geschlafen und erst spät gefrühstückt. Zu frischen Brötchen lasen wir die Zeitung. Nachdem wir fertig waren (gegen 10:30Uhr) verspürte ich das erste Mal Schmerzen im Unterleib, konnte aber noch nicht beurteilen,  ob es sich um Geburtswehen handelte oder nicht. Ich räumte noch ein wenig im Wohnzimmer auf, musste zwischendurch sehr oft zur Toilette und ließ mich dann im Schaukelstuhl nieder. Da Andrea eh kommen wollte, warteten wir einfach auf sie. Eine Stunde vor dem Vorsorgetermin begann ich, auf der Uhr die Abstände zwischen den Wehen zu verfolgen und war verblüfft, dass sie bereits alle 5-6 Minuten kamen, wo ich doch von einer Freundin gehört hatte, dass sie am Anfang meist erst einmal im 20-Minuten-Abstand auftreten.
Um 12:15 Uhr kam Andrea und ich teilte ihr mit, ich glaubte Wehen zu haben. Sie erwiderte: „Wenn du es nur glaubst, dann ist es noch nichts“. Die Akupunktur wollte sie aber bei Wehen nicht durchführen und untersuchte mich stattdessen. Mein Mann wollte gerade zum Sport aufbrechen, als sie ihm schelmisch grinsend hinterherrief, er solle lieber bleiben. Die Diagnose war ein bereits 2-3 cm geöffneter Muttermund und eine sehr pralle Fruchtblase (Später erzählte sie mir, dass der Muttermund sogar schon 4-5 cm weit auf war). Andrea verkündete uns, dass wir aller Wahrscheinlichkeit nach in der Nacht ein Kind bekommen würden, ich mir für den Fall eines Blasensprunges etwas in die Unterhose stopfen sollte und verließ uns anschließend noch einmal. Wir sollten anrufen, wenn die Schmerzen stärker würden oder spätestens um 16 Uhr von uns hören lassen.
Ich legte mich aufs Sofa und versuchte, etwas zu schlafen – konnte aber nicht, da die Wehen bereits alle 4 Minuten einsetzten. Trotzdem ließ ich meinen Mann um 14 Uhr nochmal weggehen, da er einen Termin in der Nähe wahrnehmen wollte. Er war nur 2 Minuten entfernt. Ich sollte einfach anrufen, wenn ich ihn bräuchte. Die Schmerzen waren nun schon sehr stark. Ich musste immer noch häufig auf die Toilette und lief zwischendurch etwas ziellos in der Wohnung umher. Wenn eine Wehe kam, musste ich sie veratmen und begann dabei leise zu tönen, hielt mich an greifbaren Möbeln fest oder hockte mich auf den Boden. Über mehrere Wehen hinweg versuchte ich, mir dicke Wollsocken anzuziehen, was ich schließlich auch schaffte und worüber ich später froh war. Dann holte ich die Klappbox mit den Hausgeburtsutensilien aus der Kammer und stellte die große Kaffeemaschine mit der Thermoskanne in die Küche. Um kurz nach halb 3 rief ich schließlich Andrea an, um ihr mitzuteilen, dass die Wehen ziemlich stark waren und alle 3 Minuten kamen. Sie fragte, ob sie kommen solle oder ich sie nur über den Stand der Dinge informieren wollte. Darauf wusste ich nicht so recht zu antworten und sagte, ich wollte es ihr eben mal sagen. Sie fragte noch, ob ich schon pusten müsse. Ich bejahte und sie versprach, in spätestens einer Stunde bei uns zu sein. Als ich aufgelegt hatte, wurde mir plötzlich bewusst, dass ich ganz allein war und ich musste ein wenig weinen. Dann schickte ich meinem Mann eine SMS, er solle bitte kommen. Ich kniete mich vor den Petziball und versuchte weiter die Wehen zu veratmen. 2 Minuten später war mein Mann da. Ich schickte ihn zum Kaffeekochen. Anschließend setze er sich aufs Sofa, ich kniete mich vor ihn und drückte bei jeder Wehe meinen Kopf in ein Kissen auf seinem Schoß und fasste ihn fest an der Hand. Er half mir, mein völlig verschwitztes T-Shirt und die Jogginghose auszuziehen. Zwischendurch legte er noch den Fußboden mit großen Müllsäcken aus. Um kurz nach 3 rief er erneut Andrea an und sagte ihr, sie solle doch bitte kommen. Sie war schon unterwegs und etwa 10 Minuten später bei uns. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits einen Pressdrang und teilte das Andrea direkt mit, als sie zur Tür hereinkam. Sie half mir, meine Unterhose auszuziehen und untersuchte mich nochmal. Der Muttermund war bereits vollständig eröffnet. Sie ermunterte mich, einfach zu drücken, wenn ich müsste, es sei die Fruchtblase – und mit der nächsten Wehe drückte ich sie fühlbar ein Stück aus mir heraus, bis die Spannung so groß war, dass sie mit einem lauten „Platsch“ platzte und sich jede Menge Fruchtwasser über den Fußboden ergoss (vermutlich lieh sich Andrea deshalb später ein frisches Paar Socken von uns).
Bei jeder Wehe unterstützte mich mein Mann, gab mir halt und tönte eifrig mit. Nun begann ich zu pressen. Andrea schützte mit einem in Kaffee getränkten Waschlappen meinen Damm. Nach einigen Versuchen änderten wir die Position, da sich noch nichts tat. Ich legte mich vor dem Sofa auf dem Fußboden auf die Seite, mit Kissen unter dem Kopf, und zog bei jeder Wehe das obere Bein mit dem Arm zu mir heran und schob, so fest ich konnte. Mein Mann hockte neben mir und half mir, das Bein hochzuhalten. Zwischen den Wehen rutschte der Kopf des Babys noch einige Male zurück. Dann ging es voran. Andrea sagte mir, ich könnte nun schon das Köpfen fühlen. Und tatsächlich war da etwas. Ich fragte neugierig nach der Haarfarbe – blond. Mit jeder weiteren Wehe schob ich. Andrea gab mir Kommandos, wann ich schieben oder atmen sollte und ermutigte mich, immer noch einmal mehr zu schieben. Zwischendurch fühlte ich nach dem Köpfchen. Während dieses zur Welt kam, kam auch Susanne zur Tür herein und meinte: „Na ihr habt aber ein Tempo drauf.“
Unser Baby schob mit dem Köpfchen auch gleich noch seinen Arm mit nach draußen. Andrea fing es auf und so halb geboren verweilte es noch einige Sekunden in ihren Händen bevor es sich abstieß, mich ordentlich kratze und der Rest des Körpers hinterherflutschte. Ich bekam es direkt auf den Bauch gelegt. Es trug eine Schärpe aus der Haut der Fruchtblase um den Bauch. Mein Mann fütterte mich mit einem von Susannes Zauberkeksen. Dann fiel ihm auf, dass wir ja immer noch nicht wüssten, was es denn für ein Geschlecht hat, da das Baby gleich in ein Handtuch gepackt wurde. Also fühlte ich nach und konnte dann stolz verkünden, dass wir einen kleinen Jungen haben.
Die erste Stunde verging wie im Flug. Andrea und Susanne hatten in dieser Stunde allerdings noch etwas mit meiner Plazenta zu kämpfen, die nicht so recht geboren werden wollte. Mein Mann durfte die auspulsierte Nabelschnur durchtrennen. Dann nahm er das Baby auf seine Brust und schaute aus dem Schaukelstuhl aus dem Treiben auf dem Fußboden zu. Zunächst bekam ich Kügelchen, da ich recht stark blutete, dann setzte mir Andrea Akupunkturnadeln, um die Wehen anzuregen. Zuletzt legte sie mir noch einen Katheter, um die Blase zu leeren. Andrea sagte: „Das ist der letzte Versuch, sonst müssen wir den Krankenwagen holen.“ Dann hievten Susanne und Andrea mich in die Hocke und mit einem letzten, festen Schieben war endlich auch die Plazenta geboren – sie hatte Andrea ernst genommen. Die Plazenta war vollständig und ziemlich groß. An mir war auch alles, bis auf kleinere Schorfwunden, heil geblieben.
Anschließend halfen sie mir ins Bett und ich bekam den kleinen Theodor wieder auf meine Brust und konnte ihn das erste Mal anlegen.
Gegen 19 Uhr verließen uns Andrea und Susanne und wir genossen das erste Schmusestündchen mit unserem Sohn in unserem Bett. Schöner hätte es nicht sein können.