Alma

Auf Susanne bin ich durch Zufall gestoßen. Die Hebamme, die mich in der Schwangerschaft und danach betreuen wollte und sollte, wollte gerade zum Geburtstermin in den Urlaub starten. Da sich Susannes Urlaubszeiten nicht mit ihren überschnitten, vereinbarten wir, dass Susanne die Urlaubsvertretung macht, was einfach grandios war!

Susanne lernte ich „persönlich“ im Corona-bedingten-online-Geburtsvorbereitungskurs und anschließend bei einem Kurstreffen auf den Schillerwiesen kennen. Wir hatten vor der Geburt unseres ersten Kindes 2018 bereits einen Geburtsvorbereitungskurs gemacht, der aber sehr klinisch orientiert war. Entsprechend waren mein Partner und ich über viele medizinische Möglichkeiten im Krankenhaus informiert, hatten aber den Eindruck, dass wenig vom natürlichen Zauber der Geburt und der Zeit danach hängen geblieben ist. Unser erstes Kind war noch dazu aufgrund einer Beckenendlage mit unterschiedlich abgespreizten Beinen ein geplanter Kaiserschnitt, so dass wir keine natürliche Geburtserfahrung hatten.

Unser zweites Kind, sollte nun natürlich, aber auf alle Fälle im Krankenhaus, auf die Welt kommen. Doch der Weg dorthin hielt noch ein paar Hindernisse bereit.

Ende August, bei 38+6, äußerte meine Frauenärztin, dass sie im Ultraschall den Eindruck habe, dass das Herz und der Magen unserer Tochter „verrutscht“ seien und schickte uns zur Abklärung in die Uniklinik. Entsprechend den Worten meiner Ärztin („Das wäre nicht weiter schlimm, aber es wäre einfach gut, wenn man das vor der Geburt wüsste“) und ohne uns zu viel dabei zu denken, stellten wir uns entsprechend bei der Ärztin vor, die bereits das Organscreening in der 21. Woche gemacht hatte. Als diese jedoch äußerte, dass die Ursache ein Zwerchfelldefekt sein könnte und sie einen Termin in der MHH in Hannover ausmachte, fingen unsere Gedanken an, Achterbahn zu fahren. Die Bemerkung, dass Hannover vielleicht gar nicht spezialisiert genug für die nachgeburtliche Behandlung unserer Tochter sei und dass das Kompetenzzentrum die Uniklinik in Mannheim sei, machte unsere Gedanken an diesem Freitagnachmittag nicht leichter.
Entsprechend telefonierte ich mit Susanne und sie fand genau die richtigen Worte. Im Laufe des späteren Nachmittags befasste ich mich mit der Thematik „Zwerfellhernie“ und auf einmal standen Begriffe wie „Überlebenswahrscheinlichkeit 60%“, „sofortige Operation zur ECMO-Beatmung nach der Geburt“, „Sedierung für mehrere Tage/Wochen/Monate“ und „lebenslange Folgen wie z.B. Sondenernährung“ im Raum. Glücklicherweise war in Mannheim trotz spätem Freitagnachmittag noch Professor Kohl, ein Experte für Zwerchfellhernien, zu erreichen. Er empfahl aufgrund der fortgeschrittenen Schwangerschaft eher früher als später nach Mannheim zu kommen, um die Befürchtung abzuklären. Susanne bestätigte uns in diesen Überlegungen und brachte uns auf viele konkrete Ideen zur Umsetzung. Samstagnachmittag bekamen wir glücklicherweise die Entwarnung. Segen und Fluch der Ultraschalltechnik – unsere Tochter ist gesund, hat ein vollständiges heiles Zwerchfell und liegt nur etwas verdreht im Bauch, daher sehen die Bilder so merkwürdig aus. Am Montag wurde diese Entwarnung noch einmal von Professor Kohl persönlich bestätigt. Susanne war während des gesamten Wochenendes zu erreichen, stand mit vielen hilfreichen Gedanken an unserer Seite und half uns die richtigen Fragen für die Fachärzte zu formulieren, so dass wir am Ende das Gefühl hatten, aufgeklärt und gut informiert zurück nach Göttingen fahren zu können.

Ein paar Tage zweifelten wir an unseren Überlegungen im „normalen“ Krankenhaus zu entbinden und spielten immer wieder das Szenario „Was ist, wenn sich die Ärzte doch geirrt haben…“ durch. Almas Kopf lag weiterhin hoch in meinem Becken und es tat sich nichts. Wehen waren nicht zu erkennen, der Gebärmutterhals unendlich lang. Der errechnete Geburtstermin am 05.09. verstrich und wir wurden immer unruhiger. Susanne redete uns gut zu und fand wieder einmal die passenden Worte indem sie sagte, dass sowohl unser Baby als auch wir noch ein bisschen Erholung von der ganzen Aufregung bräuchten.

Am 14.09. fuhren wir morgens mit Wehen (endlich!) und voller Hoffnung auf die Geburt ins Krankenhaus, wurden aber wieder nach Hause geschickt, weil die Wehen noch nicht muttermundwirksam waren. Im Laufe des Tages kamen und gingen die Wehen, eine Regelmäßigkeit war aber nicht zu erkennen. Ich wunderte mich jedoch darüber, dass ich so viel Flüssigkeit verlor und schickte meinen Partner am späten Nachmittag los, um Lackmuspapier zu besorgen. Susanne hatte im Geburtsvorbereitungskurs empfohlen, Lackmuspapier zu verwenden, um zu überprüfen, ob eine Flüssigkeit Fruchtwasser ist. Der Teststreifen zeigte an, dass der pH-Wert eher zu Fruchtwasser als zu einer anderen Flüssigkeit passte. Entsprechend wurde ich erneut im Krankenhaus vorstellig, wo man mich aufgrund eines vorzeitigen hohen Blasensprungs stationär aufnahm. Mein Partner konnte zum Glück, trotz Corona, mit dort bleiben und wir dösten eine Nacht gemeinsam im Kreißsaal. Am nächsten Morgen wäre ich sowieso stationär aufgenommen worden, da eingeleitet werden sollte.

Aufgrund des vorangegangenen Kaiserschnitts wurde mit Prostaglandingel eingeleitet. Beim ersten Versuch tat sich überhaupt nichts. Wir gingen viel spazieren und bemühten uns richtig darum, Wehen auszulösen. Zwischendurch mussten wir aber auch immer wieder im Krankenhaus auftauchen, damit mein Blut alle 6 Stunden überprüft, ein Antibiotikum alle 4 Stunden verabreicht und schließlich nach 8 Stunden der zweite Versuch Prostaglandingel unternommen werden sollte. Auch danach gingen wir wieder spazieren und – Überraschung – es tat sich immer noch nichts.
Gegen 20 Uhr veratmete ich wieder eine im Nachhinein betrachtet recht sanfte Wehe im Kreißsaal, da machte es innerlich plötzlich „knack“, die Wehen wurden intensiver und regelmäßiger. Offensichtlich war nun die Fruchtblase richtig geplatzt. Gegen 21 Uhr ging ich in die Badewanne, woraufhin die Wehen sehr stark und sehr schmerzhaft wurden und in geringeren Abständen kamen. Gegen 22 Uhr entschied ich mich für eine PDA, die einen Teil der Schmerzen nahm, so dass ich mich auf Anraten der Hebamme noch ein wenig ausruhte.
Gegen 3 Uhr wachte ich auf und verspürte den Drang, unbedingt auf die Toilette gehen zu wollen. Ich hatte die ganze Zeit Susannes Worte im Kopf, dass die Männer unbedingt daran erinnern sollten, dass unter der Geburt die Blase regelmäßig entleert werden sollte, damit diese den Geburtskanal nicht enger macht. Die Hebamme schloss daraus, dass die Presswehen begonnen hatten und sie begann mir bei der Wehenarbeit zu helfen. Gegen 3.45 Uhr wachte auch mein Partner auf und unterstützte uns bei der Geburt. Um 4.58 Uhr ist dann endlich unsere kerngesunde Tochter auf die Welt gekommen, die glücklicherweise sofort anfing zu atmen!

Mittags sind wir nach Hause gegangen und haben nachmittags unseren Sohn, der sich sehr auf seine kleine Schwester freute und zur Feier des Tages von der Oma aus der Krippe geholt wurde, empfangen. Susanne kam am frühen Abend vorbei, beglückwünschte uns und klärte erste offene Fragen. In den nächsten Tagen war sie fast täglich bei uns und sonst telefonisch erreichbar. Sie sortierte alle durch die ambulante Geburt erforderlichen medizinischen Unterlagen (Abnahme des Fersenblutes, Neugeborenen-Screening, U2…), bei denen wir den Überblick verloren hatten und zeigte uns in den nächsten Tagen viele Tricks und Kniffe, von denen vieles für uns neu war, obwohl wir erst vor zweieinhalb Jahren ein Kind bekommen haben.

Dass sich meine Gebärmutter nicht zusammenzog und bei mir der Wochenfluss nicht richtig ablief, fiel Susanne auf und sie schickte mich zu meiner Gyn, die die Aufmerksamkeit der Hebamme sehr lobte! So musste ich im Laufe der ersten 10 Lebenstage unserer Tochter drei Mal im Krankenhaus vorstellig werden und letzten Endes sogar zu einer Ausschabung. Susanne bestärkte uns darin, die Bedürfnisse unserer vollgestillten Tochter auch unter den aktuellen Corona-Bestimmungen durchzusetzen, so dass wir auch den langen und anstrengenden OP-Tag irgendwie meisterten. Anschließend bestätigte Susanne zu unserer Erleichterung, dass meine Gebärmutter endlich wieder klein war.

Nun bleibt uns nur, Susanne, die auch von unserem Sohn mit den Worten „Susanne, ich habe dich so gerne!“ ins Herz geschlossen wurde, vielen Dank zu sagen!